Interview mit Prof. Ligeti über das Studium an der Semmelweis Universität

Budapest – Erzsébet Ligeti ist Professorin für Physiologie und Direktorin des deutschsprachigen Medizinstudiengangs an der Semmelweis-Universität in der ungarischen Hauptstadt Budapest.

Frau Prof. Ligeti, in Deutschland rechnet man in diesem Jahr mit einem besonders großen Ansturm auf die Hochschulen aufgrund doppelter Abiturjahrgänge und ausgesetzter Wehrpflicht. Bekommen Sie das in Budapest mit?

Vermutlich ja. Ende der Bewerbungsfrist ist zwar erst am 31. Mai, bislang haben wir aber schon dreieinhalbmal mehr Bewerbungen als Studienplätze. Erfahrungsgemäß kommt der größte Bewerberansturm erst im letzten Monat.

Werden Sie zusätzliche Plätze schaffen?

Wir haben für deutsche Studienanfänger etwa 250 Plätze. Ob wir noch weitere Plätze schaffen können, hängt von der Verteilung zwischen den drei Sprachgebieten ab, von der Anzahl ungarischer, aber auch englischsprachiger Bewerber, denn die Semmelweis-Uni bietet seit 1989 auch einen englischsprachigen Studiengang an.

Ist das Interesse am deutschsprachigen Medizinstudiengang in den letzten Jahren gestiegen oder gesunken?

Es ist in den letzten fünf Jahren eindeutig gestiegen, wir hatten jedes Jahr bis zu 150 Bewerbungen mehr als im Jahr davor.

Woher stammen die meisten Bewerber?

Sehr viele kommen aus Bayern und Baden-Württemberg, weniger aus dem Norden.

Einen Numerus clausus gibt es bei Ihnen nicht, stattdessen saftige Studiengebühren von 5900 Euro pro Semester. Lockt das vor allem faule, aber reiche Chefarztsöhne und -töchter an?

Bei uns studieren viele Kinder berühmter Ärzte, aber nicht nur die. Viele Studenten sparen auch sehr zielstrebig und kommen mit einem festen Budget zu uns, das genau für zwei Jahre Budapest reicht. Danach arbeiten viele auch erst mal und warten, bis sie in Deutschland einen Platz für die klinische Phase bekommen.

Gibt es Stipendien?

Leider nicht. Es gibt aber eine Gebührenermäßigung von zehn bis 15 Prozent für besonders leistungsstarke Studenten vom zweiten Semester an. In den Genuss dieser Förderung zu kommen schaffen etliche.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Bewerber aus?

Einerseits stimmt es, dass unsere Studenten keine so guten Abiturnoten mitbringen. Allerdings ist es ja nicht so, dass jeder, der einen schlechteren Schnitt als 1,0 oder 1,1 hat, nicht fürs Medizinstudium geeignet wäre. Deshalb haben wir ein System entwickelt, bei dem wir vor allem auf die Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern schauen. Wir gucken, wie lang der Kandidat das Fach mit welcher Wochenstundenzahl belegt und mit welchen Noten er darin abgeschnitten hat. Wer also insgesamt keine so gute Note im Abitur hat, aber gut in Naturwissenschaften ist, hat bei uns bessere Chancen.

Welche Faktoren spielen bei der Bewerbung noch eine Rolle?

Wir schauen im Gegensatz zur NC-Berechnung in Deutschland genau hin, was Studenten in den Wartesemestern getan haben. Man bekommt zusätzliche Punkte, wenn man bereits naturwissenschaftliche Fächer studiert oder medizinbezogene Tätigkeiten ausgeübt hat wie Rettungssanitäter, Pflegedienst oder Ähnliches. Denn wir haben gemerkt, dass diese Tätigkeiten die Motivation der Studenten sehr stark erhöhen und auch zu besseren Leistungen führen. Die Bewerber wissen dann schon ganz gut, was sie in ihrem Fach erwartet. Und Medizin ist nicht nur im Studium, sondern auch im Beruf sehr hart.

Glauben Sie, dass Ihre Studenten besser ausgebildet sind als in Deutschland?

Das ist eine philosophische Frage. Allerdings bieten wir diese Ausbildung bereits seit 28 Jahren an, und zu uns kommen jetzt immer mehr Kinder ehemaliger Studenten, denen es hier damals gut gefallen hat. Auch spricht es sich herum, dass wir andere Methoden haben. Zum Beispiel haben wir noch mündliche Prüfungen, weil Medizin ein hauptsächlich mündliches Fach ist. Ein zukünftiger Arzt muss sich sowohl mit den Patienten als auch mit den Angehörigen und Kollegen gut verständigen können. Wenn man im Studium aber nur Kreuze in Multiple-Choice-Tests macht, ist das keine optimale Vorbereitung.

Gibt es weitere Unterschiede zur Ausbildung in Deutschland?

Wir haben wesentlich kleinere Gruppen. Bei den theoretischen Fächern sind es etwa 15 und bei den klinischen nur sechs bis acht Studenten je Gruppe. Dadurch besteht von Anfang an ein direkter Kontakt zum Dozenten, den sie auch jederzeit ansprechen oder anschreiben können, wenn sie etwas nicht verstehen. Wir bemühen uns um eine sehr persönliche Ausbildung und betreiben keine Massenproduktion.

Entsprechend teuer ist das Studium dann aber auch.

Natürlich, kleine Gruppen kosten eben mehr. Und die sehr praxisorientierte Ausbildung verursacht hohe Materialkosten: In den theoretischen Fächern, in der Anatomie und Pathologie, wird bei uns noch richtig seziert, in Kleingruppen mit gut ausgebildeten Lehrkräften. In Biochemie, Biophysik und Physiologie werden echte Versuche gemacht. In Biophysik haben wir zum Beispiel eben Ultraschall- und Röntgengeräte angeschafft. Die Studenten lernen nicht nur anhand von Abbildungen, sondern messen wirklich schon selbst. Das ist kostspielig, aber lerneffizient.

Sind die Jobaussichten von Semmelweis-Absolventen besser als die der Abgänger von deutschen Hochschulen?

Objektive Belege dafür haben wir nicht. Subjektiv schon, wir bekommen sehr viel Feedback. Die meisten Studenten bewerben sich nach dem zweiten Semmelweis-Studienjahr für die klinische Phase wieder an deutschen Universitäten. Sie bekommen dann oft problemlos einen Studienplatz. Daraus schließe ich, dass man dort unsere Ausbildung sehr schätzt. Auch Studenten geben uns positive Rückmeldungen: Sie fühlen sich gut vorbereitet. Natürlich weiß ich, dass nur die guten Studenten sich melden. Abbrecher gibt es auch, aber deren Gründe kennt man oft nicht.

Beschreiben Sie den typischen Semmelweis-Studenten!

Der Typus heißt “Spätentwickler”. Wer gut in Naturwissenschaften ist, aber in der Oberstufe nicht ganz so gute Leistungen gezeigt hat und nicht so zielstrebig war, dass er eine glänzende Abiturnote bekommen hat, ist bei uns richtig. Unser typischer Student hat natürlich auch Motivation, Ausdauer und Interesse und meist schon ein paar Wartesemester hinter sich, die ihm ganz gut gezeigt haben, was ihn in Studium und Berufsleben erwartet.

Die Semmelweis Universität:

Studium Seit 1983 haben sich an der Semmelweis–Universität in Budapest mehr als 4.000 Studierende im deutschsprachigen Medizinstudium für Human- und Zahnmedizin eingeschrieben. Rund 700 Diplome wurden seitdem verliehen. Für die klinische Phase vom dritten Studienjahr an werden allerdings Ungarischkenntnisse benötigt, weil dann der Umgang mit Patienten einsetzt.

Doktorgrad Seit 2008 gibt es einen Kooperationsvertrag zwischen der Semmelweis-Uni und der Asklepios Medical School in Hamburg. Er ermöglicht Semmelweis-Studenten, nach dem Physikum an die Alster zu wechseln und dort das Studium nach ungarischem Curriculum fortzuführen. Nach bestandener Abschlussprüfung werden das Diplom und der Titel „dr. med.“ („kleiner Doktor“) verliehen. Das Diplom ist in allen EU-Ländern anerkannt. Wer sich in Deutschland aber „Dr. med.“ nennen will, muss noch seine Doktorarbeit schreiben.

Quelle: STUTTGARTER ZEITUNG